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Pressebericht

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Krimis aus Saigon

Berliner Zeitung |  13.01.2009

Darauf haben sich die Bibliotheken jetzt eingestellt.
Claudia Fuchs

HOHENSCHÖNHAUSEN. Als im September die ersten bestellten Bücher in der Anna-Seghers-Bibliothek am Prerower Platz eintrafen, waren die Mitarbeiter ziemlich überfordert. Weder konnten sie die Titel lesen noch die Werke einem Thema zuordnen. Kein Wunder: Die 300 Bücher kamen direkt aus Saigon und waren in vietnamesischer Sprache verfasst. Und so mussten die Mitarbeiter auf Thi Dep Nguyen warten. Die 48 Jahre alte Vietnamesin betreut jetzt den vietnamesisch-sprachigen Bücherbestand in Lichtenberg.

Noch sind es nicht viele Bücher, die die gelernte Buchhändlerin zu verwalten hat. Gerade 300 Bücher gibt es in der Anna-Seghers-Bibliothek im Lindencenter und in der Bodo-Uhse-Bibliothek am Tierpark, darunter Märchen, Liebesromane, aber auch Krimis und Sachbücher. "Uns standen nur 2 500 Euro für eine erste Bestellung zur Verfügung", sagt Bärbel Riedel, die Leiterin der Anna-Seghers-Bibliothek. Doch die Bestellung war ein Problem. "Wir kannten niemanden in Berlin, der sich mit vietnamesischen Büchern auskennt." Über eine Mitarbeiterin der Staatsbibliothek sei der Kontakt zu einer Bibliothekarin in der vietnamesischen Hauptstadt Hanoi hergestellt worden, "und da die gute Referenzen hatte, haben wir dort einfach für 2 500 Euro Ware bestellt".

Die Idee, vietnamesische Literatur in den Bestand aufzunehmen, entstand während der Beratungen zum sogenannten Bürgerhaushalt, bei dem die Lichtenberger über die Verteilung des Bezirksetats mitentscheiden können. Der Vorschlag, für die große Gruppe der Vietnamesen eigene Bücher anzuschaffen, stieß auch in der Bibliothek auf große Resonanz. "Die Kinder der Vietnamesen kommen zu uns und leihen sich deutsche Bücher aus. Wir haben uns immer gefragt, wie wir ihre Eltern erreichen können."

Auch Thi Dep Nguyen, die 1988 aus Saigon nach Berlin kam, hatte sich zuvor nie Bücher in einer Bibliothek ausgeliehen. "Ich bin nur manchmal mit meinem Sohn mitgegangen", sagt sie. Er lese übrigens alles auf Deutsch. "Er kann sehr gut Vietnamesisch sprechen, aber nur sehr schlecht lesen oder schreiben." Die Vietnamesin, die in Berlin zuerst als Schneiderin arbeitete, dann als Verkäuferin und in den vergangenen fünf Jahren arbeitslos war, ist sehr glücklich über ihre neue Arbeit. "Ich lese gern", sagt sie, "und ich wünsche mir eine Bücherei mit ganz vielen vietnamesischen Büchern."

In Lichtenberg lebt deutschlandweit die größte vietnamesische Community - laut statistischem Landesamt waren am 30. Juni 2008 genau 3 953 Vietnamesen im Bezirk gemeldet. "In den vergangenen zwei Monaten wurde jedes vietnamesische Buch durchschnittlich ein Mal ausgeliehen", sagt Bibliotheksleiterin Riedel. Das sei "ein sehr guter Schnitt". Im Sommer solle Bilanz gezogen werden, welche Bücher besonders gut laufen, und dann neue bestellt werden. Dann wird Thi Dep Nguyen die Bestellung koordinieren.

Inhaltlich unterscheiden sich die Bücher wenig von den deutschsprachigen Angeboten, optisch aber gibt es deutliche Unterschiede: Vietnamesische Bücher sind zwar groß wie Hardcopys, haben aber weichere Umschläge, ähnlich wie bei Taschenbüchern, und die Schrift ist größer. "Und Vietnamesen lesen offenbar gern beim Kochen", sagt Bibliotheks-Chefin Riedel, "das sieht man den Büchern an."

http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0113/berl...